Osteopathie Kinder

Behandlung zweier Torticollis-Patienten

Melanie
Melanie war erst vier Wochen alt, als die verzweifelte Mutter mit ihr zu mir kam. Seit der zweiten Lebenswoche litt Melanie unter ständigen Bauchkrämpfen. Der Stuhlgang war grün und wässrig. Den Kopf hielt sie meist verkrampft zur rechten Seite geneigt. Die Qual war so groß, dass Melanie ständig aus Leibeskräften schrie, bis ihr Kopf vor Erregung rot wurde. Vor lauter Erschöpfung wurde sie zwischendurch zwar etwas ruhiger, schrie aber bei der leichtesten Berührung gleich wieder auf.

Bei der Untersuchung fiel eine starke Spannung hinter dem rechten Ohr auf. Das rührte noch von einer schwierigen Zangengeburt her, bei der es zu einer starken Kompression der Schädelnaht zwischen dem rechten Schläfenbein (os temporale) und Hinterhauptsbein (os occipitale) gekommen war. Da in diesem Bereich das Foramen jugulare liegt, kann solch eine Kompression die hindurchtretenden Hirnnerven irritieren:
Der N. glossopharyngeus
(HN IX) und der N. accessorius (HN XI) führte zur Schräghaltung des Kopfes (Torticollis), und der N. vagus (HN X) bewirkte in diesem Fall die Krampfneigung des Darmes.

Während der ersten Behandlung konnte Melanie zum Erstaunen der Mutter so entspannen, dass sie einschlief. Am nächsten Tag war sie schon deutlich ruhiger als zuvor, und nach drei Behandlungen in einer Woche waren die Bauchprobleme verschwunden, die Kopfhaltung war wieder gerade, es gab keine Schreiattacken mehr, und sie nahm wieder langsam an Gewicht zu.

Der myogene Torticollis stellt in den meisten Fällen eine dankbare Behandlungsindikation dar. Die möglichen pathogenetischen Zusammenhänge können sehr komplex sein. Darauf näher einzugehen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Allgemein gilt: Je differenzierter die Primärstörung identifiziert wird, desto spezifischer kann behandelt und mit weniger Aufwand mehr erreicht werden. Auch hier zeigt sich eine gewisse Parallele zur Homöopathie: Je exakter das Konstitutionsmittel gefunden einer einzelnen Gabe erreicht werden.

Je jünger der Patient ist, desto schneller lassen sich i. d. R. die Beschwerden beheben. Besteht eine Torticollis über längere Zeit während der ersten Wachstumsjahre, führt der asymmetrische Zug der Halsmuskulatur zu mehr oder weniger starken Deformierungen des Schädels. Die Kopfhälfte der Seitneigungsrichtung prägt sich im Laufe der Zeit breiter aus. Ein anschauliches Beispiel sind die MRT-Bilder der nächsten Patientin.

Marilyn M.
Marilyn M. ist 55. Seit Geburt bestand ein s.g. idiopathischer Torticollis. Chronische penetrante Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel und Tinnitus führten die Patientin auf eine “therapeutische Odyssee”: Pharmazie quer Beet incl. Psychopharmaka, jahrzehntelange Physiotherapie, Massage und hunderte (!) Male Chiropraktik. Der beste Erfolg war höchstenfalls eine Erleichterung der Beschwerden für wenige Tage.

Die MRT-Bilder zeigen deutlich die asymmetrische Kopfform und die Seitneigung des Halses. Interessant ist auch das einseitig abgesenkte tentorium cerebellum.

Bei näherer Untersuchung fiel die Kompression der rechten Schädelbasis auf, eine ausgeprägte Außenrotationsstellung des rechten Schläfenbeins und die typischen myofaszialen Spannungen des Nackens und der vorderen Halsstrukturen. Der rechte M. Sternocleidomastoideus war deutlich verkürzt und von fibrotischer Konsistenz.

Die allgemein übliche manuelle Behandlungsstrategie ist in solchem Fall die Kopfstellung wieder in der Mittelachse zu zentrieren. Da sich aber die anatomischen Strukturen sowie die neuromotorischen Haltungsmuster bereits seit frühester Kindheit in der Fehlstellung “eingeschliffen” haben, bedeutet diese Therapieweise ein ständiges Tauziehen gegen die körperlichen Gegebenheiten des Patienten. Die zervikalen Wirbeldysfunktionen sind eine Folge der asymmetrischen Weichteilspannungen. Die Weichteilspannungen entstehen aufgrund neurologischer Fehlsteuerung. Die neurologischen Irritationen können durch kraniale Spannungsmuster entstehen, z. B. durch eine traumatische Geburt bedingt. Solch eine kausale Kette wäre eine mögliche Arbeitshypothese.

Die osteopathische Behandlung bestand im wesentlichen im Lösen der kranialen Spannungen. Durch Einstellen des Balancepunktes und Induktion des Stillpunktes wurde der physiologische kraniale Rhythmus der Schädelknochen wieder ermöglicht. Die intrakranialen Membranen (dura mater, falx cerebri et cerebelli, tentorium cerebelli) dienen der Stabilisierung und dem Spannungsausgleich des gesamten Schädels. Sie bilden das Zentrum des Fasziensystems des gesamten Körpers. Ein Lösen von Fehlspannungen dieser Membranen wirkt sich bis in die Körperperipherie aus.

Da die osteopathische Behandlung von Marilyn M. erst vor zwei Monaten begonnen wurde, ist es jetzt noch zu früh eine langfristige Prognose zu stellen. Jedenfalls treten seit der ersten Behandlung keine Kopfschmerzen mehr auf, und die Verspannungen der Halswirbelsäule sind weniger hartnäckig. Eine naheliegende Frage ist, ob durch eine frühzeitige Behandlung im Säuglingsalter die Leidensgeschichte hätte verhindert werden können.

Resümee
Behandelt wird der Mensch, nicht die Krankheit! Als Behandler wünscht man sich oft eine Art Rezeptbuch, für jedes Problem wird die passende Lösung aufgezeigt. Das entspricht nicht der osteopathischen Philosophie. Mit dem Anspruch einer ganzheitlichen Heilweise wird die Vielschichtigkeit und die Komplexität der Zusammenhänge eingeschätzt. Es geht darum, gezielt die Ursache, die sich hinter dem Beschwerdebild verbirgt, zu behandeln.

Deshalb gibt es keine klassischen Torticollistechniken. Das therapeutische Werkzeug des Osteopathen ist weitgefächert und ermöglicht auf die individuellen Erfordernisse des Patienten und seiner Beschwerden adäquat einzugehen. Im Ablauf einer Behandlung werden verschiedene Techniken kombiniert. Wie ein Musikstück, das von mehreren Instrumenten zusammen gespielt wird, ergänzen sich einzelne Behandlungsschritte zu einer Gesamtkomposition mit individuell abgestimmter Variation und Interpretation.

Aus der Zeitschrift Naturheilpraxis 10/2001  -    Verfasser: Hartmut Fritzsche

 

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